Zurück zum TagebuchJo & Jo · Reisegeschichten

Unser dritter Reisebericht

Jo & Jo und die Bären, die Bücher und der freie Fall

Jo und Jo lesen gemeinsam in der gewaltigen Starfield Library
Eine ganze Stadt aus Büchern – und für einen Moment konnten sie jedes davon verstehen.

Am Morgen des zweiten Tages wachten Jo und Jo auf und stellten fest, dass über Nacht offenbar jedes einzelne Körperteil beschlossen hatte, wehzutun.

Der Rücken tat weh.

Die Beine taten weh.

Und einige Stellen taten weh, von deren Existenz Jo und Jo bis dahin überhaupt nichts gewusst hatten.

Trotzdem rappelten sie sich auf.

Urlaub ist schließlich keine Erholung.

Zuerst wurde geduscht.

Das Badezimmer ihres Hotels besaß nämlich keine gewöhnliche Dusche. Es war selbst die Dusche.

Sobald man das Wasser aufdrehte, wurden der Boden, die Wände, die Toilette und mit etwas Geschick vermutlich auch das Nachbarzimmer nass.

Aber Jo und Jo wurden sauber.

Und der Rest trocknete irgendwann.

Vermutlich.

Dann gingen sie hinaus, um ein Frühstück zu finden.

Seoul war ihnen noch immer weitgehend unbekannt. Deshalb liefen sie erst nach links, dann nach rechts und schließlich in eine Richtung, die keines von beidem mehr war.

Das große, allwissende Netz in ihrem Telefon behauptete, ganz in der Nähe gebe es ausgezeichnetes Frühstück.

An einem Haus entdeckten sie das Wort Kaffee.

Das genügte.

Sie gingen hinein.

Und landeten in einer Bärenhöhle.

Überall waren Bären. Auf den Wänden, auf den Tassen, auf den Schildern und vermutlich auch irgendwo in der Buchhaltung.

Jo und Jo bestellten Frühstück und Kaffee.

Beides schmeckte ausgezeichnet.

Bis zu diesem Morgen hatten sie nicht gewusst, dass Bären so guten Kaffee kochen können.

Nun wussten sie es.

Jo und Jo trinken Kaffee, während ein freundlicher Bär sie bedient
Bis dahin hatten sie Bären als Baristas deutlich unterschätzt.

„Hier kommen wir wieder her“, sagte Jo.

Ein Bär lächelte.

Zumindest sah er so aus.

Nach dem Frühstück fuhren Jo und Jo nach Jamsil zum Lotte World Adventure.

Der Name gefiel ihnen schon deshalb, weil ihre Tochter Lissa von einem der beiden Jos meistens Lotte genannt wurde.

Warum, weiß vermutlich nur dieser Jo.

Und vielleicht Lotte.

Im Lotte World Adventure gab es Karussells, Züge, Boote und Maschinen, deren einziger Zweck darin bestand, Menschen sehr weit nach oben zu befördern und anschließend möglichst überzeugend so zu tun, als ließe man sie fallen.

Jo stieg in eine solche Maschine.

Die andere Jo blieb unten.

Nicht aus Feigheit.

Sondern weil ihr von solchen Dingen schlecht wird, was eine wesentlich vernünftigere Begründung ist.

Die Maschine fuhr nach oben.

Höher.

Noch höher.

Ganz oben konnte Jo beinahe die ganze Stadt sehen.

Dann fiel die Welt plötzlich nach unten.

Oder Jo nach oben.

Oder beides gleichzeitig.

Kurz vor dem Boden bremste die Maschine ab.

Das war freundlich von ihr.

Jo stieg aus und behauptete, alles sei wunderbar gewesen.

Seine Knie äußerten sich dazu nicht.

Danach wählten Jo und Jo ruhigere Vergnügungen.

Sie fuhren mit einem kleinen Zug und anschließend mit einem Boot durch das Paradise Adventure.

Es war bunt, lustig und ein wenig chaotisch – also im Grunde genau wie ihr Urlaub.

Dann begann die Parade.

Plötzlich tanzten überall menschenähnliche Wesen, riesige Figuren und fröhliche Gestalten durch die Halle.

Wagen rollten vorbei. Musik dröhnte. Kinder lachten.

Und hinter einigen Tänzern schossen Flammen in die Höhe, als hätte jemand beschlossen, dass gute Laune allein noch nicht heiß genug sei.

Jo und Jo standen mittendrin und lachten so sehr, dass ihnen nun auch noch der Bauch wehtat.

Damit war die Sammlung vollständig.

Jo und Jo stehen staunend zwischen den Figuren der großen Lotte-World-Parade
Mitten in der Parade – und kaum gruseliger als der Rest.

Nach einem kleinen Snack verließen sie Lotte World und fuhren nach Gangnam.

Dort fanden sie die Starfield Library.

Bibliothek ist eigentlich ein viel zu kleines Wort für diesen Ort.

Es war eher eine Stadt aus Büchern.

Regale stiegen so hoch hinauf, dass die oberen Bücher vermutlich ihr eigenes Wetter hatten.

Jo und Jo blickten nach oben.

Und noch weiter nach oben.

Dann nahmen sie ein Buch aus einem Regal.

Es war auf Koreanisch geschrieben.

Jo schlug es auf.

Und konnte es lesen.

Jo nahm ein japanisches Buch.

Auch sie verstand jedes Wort.

In dieser Bibliothek konnte jeder jedes Buch lesen, ganz gleich, in welcher Sprache es geschrieben war.

Das funktionierte allerdings nur innerhalb des Gebäudes.

Hätte man ein Buch nach draußen getragen, wären die Buchstaben sofort wieder zu geheimnisvollen Zeichen geworden.

Also blieben Jo und Jo dort und lasen fünf Bücher.

Ungefähr.

Vielleicht waren es auch nur fünf Seiten.

In einer magischen Bibliothek lässt sich das schwer unterscheiden.

Draußen wartete das Denkmal zum Gangnam Style: zwei riesige gekreuzte Hände und eine noch viel größere Schlange von Menschen, die sich davor fotografieren lassen wollten.

Jo und Jo betrachteten die Hände.

Dann betrachteten sie die Schlange.

„Nein“, sagte Jo.

„Nein“, sagte Jo.

Damit war auch diese Entscheidung getroffen.

Jo und Jo betrachten das Gangnam-Style-Denkmal und die lange Warteschlange davor
Zwei berühmte Hände. Sehr viele wartende Menschen. Zwei vernünftige Jos.

Stattdessen fuhren sie zum Lotte World Tower.

Der Turm ging nach oben.

Und nach oben.

Und dann noch ein ganzes Stück weiter nach oben.

Jo und Jo kauften Tickets für Seoul Sky und stiegen in einen Aufzug, der so schnell fuhr, dass ihre Ohren kurz überlegten, im Erdgeschoss zu bleiben.

Oben lag Seoul unter ihnen.

Die Häuser wurden kleiner.

Der Han-Fluss zog wie ein breites Band durch die Stadt.

Und genau in diesem Augenblick begann die Sonne unterzugehen.

Der Himmel wurde golden, dann rosa, dann dunkelblau.

Für einen Moment war die ganze riesige Stadt still.

Zumindest durch das Glas.

Seoul und der Han-Fluss liegen im goldenen Abendlicht unter Jo und Jo
Seoul von ganz weit oben – genau zur richtigen Zeit.

Jo sah Jo an.

Jo sah Jo an.

Und beide wussten, dass dies einer jener Augenblicke war, die später größer werden, je länger sie vorbei sind.

Aber der Tag war noch nicht fertig mit ihnen.

„In Banpo gibt es eine Brücke mit Fontänen“, sagte Jo.

Also fuhren sie zur Banpo Bridge Rainbow Fountain.

Sie setzten sich ans Wasser.

Musik begann zu spielen, und aus der ganzen Brücke schossen beleuchtete Wasserstrahlen in den Abend.

Es war wunderschön.

Jo und Jo sitzen abends vor den beleuchteten Fontänen der Banpo Bridge
Wasser, Licht, Musik – und langsam wieder Hunger.

Nach zehn Minuten war es auch ein kleines bisschen langweilig.

Vor allem aber waren Jo und Jo wieder hungrig.

Sie fragten das Internet.

Genauer gesagt fragten sie ChatGPT.

ChatGPT nannte ihnen ein Restaurant.

Jo und Jo liefen los.

Sie liefen und liefen.

Und als sie endlich ankamen, gab es dort kein Restaurant.

Das Internet weiß sehr viel.

Wo sich dieses Restaurant befand, wusste es offenbar nicht.

Also suchten Jo und Jo selbst weiter und fanden schließlich ein koreanisches Barbecue-Restaurant.

Sie setzten sich und bestellten ein bisschen Essen.

Daraufhin kam sehr viel Essen.

Dann noch mehr.

Schälchen erschienen von links und rechts, Fleisch landete auf dem Grill, Gemüse türmte sich auf dem Tisch, und irgendwann war von der Tischplatte kaum noch etwas zu sehen.

Jo schnitt das Fleisch.

Jo probierte sich durch die Schälchen.

Beide aßen, bis selbst der Hunger höflich sagte, es reiche jetzt wirklich.

Jo und Jo essen an einem dicht gedeckten Tisch koreanisches Barbecue
Ein bisschen bestellt. Einen ganzen Tisch bekommen.

Dann fuhren sie zurück zum Hotel.

Sie waren mit Bären frühstücken gewesen.

Sie waren beinahe vom Himmel gefallen.

Sie hatten eine Parade überlebt.

Fünf Bücher in allen Sprachen gelesen.

Einen Sonnenuntergang über Seoul gesehen.

Einer Brücke beim Wasserspritzen zugeschaut.

Und ein Restaurant gesucht, das nicht existierte.

Im Hotel fielen Jo und Jo mitsamt ihren Kleidern aufs Bett.

„Der Tag war aber lang“, murmelte Jo.

Jo antwortete nicht mehr.

Sie schlief bereits.

Wenig später schlief auch Jo.

Und draußen leuchtete Seoul weiter, als wäre überhaupt nichts Besonderes geschehen.

Dabei wusste die Stadt es besser.

J&JFortsetzung folgt