Der letzte Morgen in Seoul begann bei den Bären und endete vierundzwanzig Stockwerke über Busan – obwohl Jo zunächst fest an den zweiten Stock glaubte.
Am Freitagmorgen wachten Jo und Jo auf und wussten sofort:
Heute war ihr letzter Tag in Seoul.
Das war traurig.
Andererseits mussten sie erst um elf Uhr aus dem Hotelzimmer verschwinden.
Und das bedeutete, dass sie zum ersten Mal seit Beginn ihrer Reise etwas tun konnten, das in ihrem bisherigen Urlaubsprogramm nicht vorgesehen gewesen war:
Ausschlafen.
Also schliefen sie.
Länger als sonst.
Nicht besonders lange.
Aber lange genug, um anschließend behaupten zu können, sie hätten sich ausgeruht.
Als Jo und Jo schließlich aufstanden, stellten sie fest, dass ihre Körper diese ungewohnte Ruhepause ohne größere Schäden überstanden hatten.
Sie duschten, zogen sich an und besprachen die wichtigste Frage des Morgens:
Wo sollte man den letzten Tag in Seoul beginnen?
Die Antwort war selbstverständlich.
Bei den Bären.
Ein Aufenthalt in Seoul, der mit bärengemachtem Kaffee begonnen hatte, musste auch mit bärengemachtem Kaffee enden.
Alles andere wäre unhöflich gewesen.
Also gingen Jo und Jo noch einmal in die Bärenhöhle.
Die Bären freuten sich außerordentlich, sie wiederzusehen.
Zumindest sahen sie genauso aus wie an den anderen Tagen.
Aber diesmal war in ihren Augen eindeutig ein besonderes Leuchten zu erkennen.
Vielleicht war es Wiedersehensfreude.
Vielleicht spiegelte sich dort auch nur die Kaffeemaschine.
Jo und Jo setzten sich an ihren inzwischen beinahe angestammten Platz und bekamen ein wunderbares Frühstück.
Der Kaffee schmeckte wieder hervorragend.
Das Essen ebenfalls.
Die Bären hatten nichts von ihrer Kunst verlernt.
„Unser letzter Kaffee bei den Bären“, sagte Jo.
„Sag so etwas nicht“, sagte Jo.
Ein Bär blickte schweigend zu ihnen herüber.
Vermutlich kämpfte er mit den Tränen.

Oder er wartete darauf, dass Jo und Jo endlich bezahlten.
Schließlich mussten sie gehen.
Jo und Jo verabschiedeten sich von den Bären.
Die Bären blieben tapfer.
Keiner von ihnen lief hinterher.
Das lag möglicherweise daran, dass einige nur auf Tassen und Schilder gemalt waren.
Zurück im Hotel packten Jo und Jo ihre Sachen.
Dabei geschah das übliche Reisewunder:
Obwohl sie Seoul mit denselben Koffern verlassen wollten, mit denen sie angekommen waren, passte plötzlich kaum noch etwas hinein.
Daran waren vermutlich die fünf Brillen schuld.
Oder die neue Kleidung.
Vielleicht hatten sich ihre Sachen während der Nacht aber auch heimlich vermehrt.
Jo drückte einen Koffer zu.
Jo setzte sich vorsichtshalber auf den anderen.
Dann waren sie fertig.
Nun mussten sie sich nur noch vom Hotel verabschieden.
Das war nicht ganz einfach, weil es dort nach wie vor niemanden gab, von dem man sich hätte verabschieden können.
Sie gaben dem Automaten ihre Zimmerkarte zurück.
Der Automat nahm sie entgegen, ohne eine erkennbare Gefühlsregung zu zeigen.
„Auf Wiedersehen“, sagte Jo.
Der Automat sagte nichts.
Wahrscheinlich war er innerlich völlig aufgelöst.
Dann verabschiedeten sich Jo und Jo von dem kleinen Hund, dem das Hotel möglicherweise gehörte.
Der Hund war während ihres gesamten Aufenthalts nicht ein einziges Mal erschienen.
Auch diesmal war er nicht da.
Das passte zu ihm.
„Tschüss, Hund“, sagte Jo.
Der nicht vorhandene Hund antwortete nicht.
Damit war der Abschied abgeschlossen.
Jo und Jo zogen ihre Koffer durch die Straßen und fuhren mit der Bahn zur Seoul Station.
Dort angekommen, betrachteten sie ihre Fahrkarte auf dem Handy.
Es gab einen Code.
Codes sind grundsätzlich beruhigend.
Sie vermitteln den Eindruck, dass irgendwo ein System existiert, das genau weiß, was zu tun ist.
Jo und Jo wussten es nicht.
Also befragten sie das große, allwissende Netz.
Mussten sie den Code irgendwo eintauschen?
Mussten sie ihn an einen Automaten halten?
Mussten sie damit eine geheime Tür öffnen?
Das Netz erklärte, dass ihre Fahrkarte bereits gültig sei.
Sie mussten nichts eintauschen.
Sie mussten nur zum Zug gehen und sich auf ihre Plätze setzen.
Das klang verdächtig einfach.
Jo und Jo gingen zum Bahnsteig.

Niemand wollte ihren Code sehen.
Niemand hielt sie auf.
Kein Automat piepte.
Keine Schranke verlangte eine Fahrkarte.
Sie stiegen einfach in den KTX nach Busan.
Jo hatte zwei Plätze in der ersten Klasse gebucht.
Das war sehr klug von ihm gewesen.
Jedenfalls erwähnte er das mehrmals.
Die Sitze waren bequem.
Es gab viel Platz.
Und kurz nachdem der Zug losgefahren war, bekamen Jo und Jo kleine Kekse.
Es waren keine besonders großen Kekse.
Aber es waren Erste-Klasse-Kekse.
Solche Kekse schmecken automatisch vornehmer.
Jo biss hinein.
„Schmeckt nach erster Klasse“, sagte er.
Jo probierte ebenfalls.
„Schmeckt nach Keks.“
Beides war richtig.

Der KTX setzte sich in Bewegung und raste mit Jo und Jo nach Süden.
Seoul glitt am Fenster vorbei.

Dann kamen Vororte.
Dann weitere Städte.
Und überall standen Hochhäuser.
Nicht zwei.
Nicht drei.
Auch nicht zehn.
Es waren immer ganze Herden von Hochhäusern.
Fünfzig oder sechzig Gebäude standen dicht nebeneinander, als hätten sie sich zu einer Versammlung getroffen.
Dann kam ein Stück Landschaft.
Danach wartete bereits die nächste Hochhausherde.

Manche Häuser sahen so ähnlich aus, dass Jo vermutete, sie würden nachts ihre Plätze tauschen, damit niemand bemerkte, wie viele es tatsächlich waren.
In jedem Gebäude lebten unzählige Menschen.
Sie kochten.
Sie schliefen.
Sie sahen fern.
Sie stritten darüber, wer den Müll hinunterbringen musste.
Und wenn alle gleichzeitig aus dem Fenster geschaut hätten, wäre vermutlich das Sonnenlicht ausgegangen.
Jo und Jo blickten lange hinaus.
Südkorea schien aus Bergen, Städten und sehr großen Wohnhäusern zu bestehen.
Dazwischen verlief eine Bahnstrecke, auf der ein KTX mit zwei deutschen Urlaubern und einigen Erste-Klasse-Keksen Richtung Busan raste.
Während Jo aus dem Fenster sah, wurden die Hochhäuser langsam unscharf.
Nicht, weil der Zug so schnell fuhr.
Sondern weil seine Augen zufielen.
Nur für einen winzigen Moment.
Dann gab es einen gewaltigen Krach.
Jo fuhr hoch.
Aus dem vorderen Wagen drangen Schreie.
Etwas polterte gegen eine Tür.
Die Tür sprang auf.
Und dann kamen sie.
Zombies.
Erst einer.
Dann fünf.
Dann so viele, dass niemand Zeit hatte, sie ordentlich zu zählen.
Sie stürmten durch den Gang, kletterten über Sitze und streckten ihre Hände nach allem aus, was noch nicht selbst wie ein Zombie aussah.
Der Zug wurde von Zombies gestürmt.

„Jo!“, rief Jo.
„Was?“
„Laufen!“
Das war eine ausgezeichnete Idee.
Jo und Jo sprangen auf und rannten durch den Zug.
Sie liefen durch einen Wagen.
Dann durch den nächsten.
Hinter ihnen wurde das Stöhnen lauter.
Vor ihnen tauchten weitere Zombies auf.
Es kamen welche von hinten.
Es kamen welche von vorn.
Vermutlich saßen sogar einige in der ersten Klasse und hatten nie dafür bezahlt.
Jo und Jo liefen weiter.
Immer schneller.
Doch der Gang wurde enger, die Zombies wurden mehr und irgendwo lag ein verräterischer Erste-Klasse-Keks auf dem Boden.
Jo trat darauf.
Jo stolperte über Jo.
Beide fielen hin.
Über ihnen schob sich eine ganze Wand aus Händen, Zähnen und sehr schlechter Laune zusammen.
Jo wollte schreien.
Da öffnete er die Augen.
Er saß in seinem bequemen KTX-Sitz.
Neben ihm saß Jo und betrachtete ihn.
„Du bist eingeschlafen“, sagte sie.
Jo sah in den Gang.
Keine Zombies.
Nur Reisende.
Ein Zugbegleiter ging ruhig vorbei.
Und auf dem Tisch lag ein völlig harmloser Keks.
Jo atmete auf.
Für einige Minuten war er nicht nur auf dem Weg nach Busan gewesen.
Er war mitten in Train to Busan geraten – und hatte Jo gleich mitgenommen.
Zum Glück war es nur ein Traum gewesen.
Noch glücklicher war Jo darüber, dass Zombies offenbar nicht zum Leistungsumfang der ersten Klasse gehörten.
Irgendwann verlangsamte sich der Zug.
Sie waren da.
Busan.
Jo und Jo stiegen aus, zogen ihre Koffer hinter sich her und wechselten in die U-Bahn.
Dann stiegen sie um.
Danach fuhren sie noch weiter.
Busan war größer, als es auf den ersten Blick ausgesehen hatte.
Sehr viel größer.
Als sie schließlich in Haeundae aus der Bahn kamen, standen plötzlich überall riesige Hotels.
Einige waren hoch.
Andere waren sehr hoch.
Und manche waren so hoch, dass ihre oberen Stockwerke vermutlich eigene Wetterberichte benötigten.
Zwischen diesen Gebäuden suchten Jo und Jo ihr Hotel.
Sie fanden es tatsächlich.
Das war bemerkenswert, denn nach mehreren Tagen in Korea hatten sie sich beinahe daran gewöhnt, zunächst mindestens einmal in die falsche Richtung zu laufen.
Diesmal nicht.
Im Hotel gab es sogar einen Menschen an der Rezeption.
Ein echtes junges Mädchen.
Keinen Automaten.
Keinen unsichtbaren Hund.
Einen richtigen Menschen.
Jo und Jo waren beeindruckt.
Die junge Frau gab ihnen eine Zimmerkarte und erklärte, wo sich der Aufzug befand.
Auf der Karte stand:
2401
Jo betrachtete die Zahl.
„Zweiter Stock“, sagte sie. „Ist doch nicht schlimm. Wir haben ja auch nicht so viel bezahlt.“
Jo betrachtete ebenfalls die Karte.
Dann dachte er nach.
Ein Hotelstockwerk mit vierhundertundeinem Zimmer erschien ihm ungewöhnlich.
Nicht unmöglich.
Aber ungewöhnlich.
„Vielleicht ist es der vierundzwanzigste Stock“, sagte er.
Jo sah zum Aufzug.
Jo drückte auf die 24.
Der Aufzug setzte sich in Bewegung.
Er fuhr nach oben.
Und weiter nach oben.
Und noch ein ganzes Stück weiter nach oben.
Der zweite Stock wäre inzwischen eindeutig überschritten gewesen.
Jo betrachtete die aufleuchtenden Zahlen.
„Vielleicht doch nicht der zweite“, sagte sie.
Das war eine vernünftige Vermutung.
Im vierundzwanzigsten Stock stiegen sie aus.
Dort fanden sie das Zimmer 2401.
Jo hielt die Karte an die Tür.
Es piepte.
Die Tür öffnete sich.
Und Jo und Jo traten ein.
Dann blieben sie stehen.
Das Zimmer war wunderschön.
Es war groß, hell und gemütlich.
Alles sah neu und elegant aus.
Aber das Beste war der Balkon.
Jo öffnete die Tür.
Beide gingen hinaus.
Vor ihnen lag Busan.
Sehr weit unten verliefen Straßen.
Zwischen den Hochhäusern glitzerte das Meer.
Der Strand zog sich am Wasser entlang.
Die umliegenden Gebäude ragten in den Himmel, doch aus dem vierundzwanzigsten Stock wirkten selbst einige von ihnen plötzlich erstaunlich klein.
Jo und Jo sagten eine Weile gar nichts.
Das kam selten vor.
„Das ist wahrscheinlich das schönste Hotelzimmer, das wir je hatten“, sagte Jo schließlich.
„Auf jeden Fall das höchste“, sagte Jo.
Vielleicht hatten sie schon ähnlich schöne Zimmer gehabt.
Aber keines mit dieser Aussicht.
Und ganz sicher keines, das Jo zunächst im zweiten Stock vermutet hatte.
Sie hätten den restlichen Tag auf dem Balkon verbringen können.
Doch dafür waren Jo und Jo nicht nach Busan gekommen.
Außerdem war es noch früh.
Also gingen sie wieder hinaus und schlenderten durch Haeundae.
Diesmal mussten sie kaum mit der Bahn fahren.
Fast alles lag in der Nähe.
Geschäfte.
Restaurants.
Straßen voller Menschen.
Und natürlich der Haeundae Beach.
Das große Netz behauptete, dieser Strand gehöre zu den schönsten Stadtstränden der Welt.
Vielleicht sogar zu den zweitschönsten.
Welcher Strand den ersten Platz belegte, verriet das Netz nicht.
Vermutlich wollte es keinen Streit anfangen.
Jo und Jo suchten sich etwas zu essen.
Danach gingen sie hinunter auf den Sand.
Vor ihnen lag das Meer.
Hinter ihnen standen die riesigen Hotels und Hochhäuser.
Am Strand spazierten Menschen entlang.
Andere saßen im Sand.
Manche fotografierten das Wasser.
Und irgendwo draußen auf dem Meer wartete vielleicht bereits der nächste Unsinn auf Jo und Jo.
Aber nicht mehr an diesem Tag.
Die Reise von Seoul nach Busan war lang gewesen.
Die Koffer waren schwer gewesen.
Und selbst Erste-Klasse-Kekse besitzen nur eine begrenzte Wirkung.
Also gingen Jo und Jo zurück in ihr Hotel.
Sie fuhren in den vierundzwanzigsten zweiten Stock.
Dort sahen sie noch einmal vom Balkon über Busan.
Dann legten sie sich aufs Bett.
„Morgen sehen wir uns alles an“, sagte Jo.
„Alles“, bestätigte Jo.
Das war natürlich unmöglich.
Aber es klang gut.
Wenig später schliefen beide.
Draußen leuchtete Busan zwischen Bergen, Hochhäusern und Meer.
Und irgendwo in Seoul standen die Bären vermutlich noch immer hinter ihrer Kaffeemaschine und fragten sich, ob Jo und Jo jemals zurückkommen würden.
Der nicht vorhandene Hotelhund wusste es vielleicht.
Aber wie üblich sagte er nichts.
