Als Jo und Jo endlich mit ihren neuen Brillen eins geworden waren, meldete sich etwas, das selbst die schärfste Sicht nicht übersehen konnte: der Hunger.
Also schlenderten sie durch Seoul und suchten nach einem Ort, an dem man etwas essen konnte.
Sie fanden eine schmale Treppe.
Die Treppe führte nach oben.
Wohin genau, war nicht zu erkennen.
Aber Treppen, die irgendwohin führen, ohne zu verraten, wohin, besitzen für hungrige Menschen eine beinahe unwiderstehliche Anziehungskraft.
Jo und Jo stiegen hinauf.
Oben befand sich ein Raum voller Töpfe, Dampf und alter Frauen, die mit großer Entschlossenheit kochten.
Es gab dort keine Gäste.
Keine Speisekarte.
Und nicht einen einzigen Hund.
Die Frauen sahen Jo und Jo an.

Jo und Jo sahen die Frauen an.
Für einen kurzen, aber sehr lebhaften Augenblick waren sie überzeugt, dass hier möglicherweise nicht für Gäste gekocht wurde.
Sondern mit ihnen.
Jo drehte sich um.
Jo ebenfalls.
Und beide rannten die Treppe wieder hinunter.
Hinter ihnen riefen die Frauen:
„Nein! Nein! Wir machen gutes Essen! Lauft nicht weg!“
Aber Jo und Jo hörten nicht auf sie.
Hungrige Menschen sind normalerweise leicht zu überzeugen.
Hungrige Menschen, die glauben, selbst auf der Speisekarte zu stehen, dagegen nicht.
Wenig später fanden sie ein anderes Lokal.
Auch dieses sah geheimnisvoll aus.
Aber auf eine etwas weniger menschenkochende Art.
Drinnen war es warm und gemütlich. Jo und Jo setzten sich, und eine ältere Dame brachte ihnen eine Speisekarte.
Sie studierten die Bilder.
Sie zeigten auf zwei Gerichte.
Die Dame betrachtete ihre Wahl.
Dann betrachtete sie Jo und Jo.
„Very spicy“, sagte sie.

Das waren nur zwei Wörter.
Aber es waren zwei sehr bedeutende Wörter.
Jo und Jo wussten, dass sehr scharfes Essen die unangenehme Eigenschaft besitzt, zweimal zu brennen.
Einmal beim Kommen.
Und einmal beim Gehen.
Sie gaben die Karte zurück, bekamen sie wieder und begannen von vorn.
Beim zweiten Versuch war die Dame zufrieden.
Kurz darauf stand wunderbares Essen auf dem Tisch.
Jo bekam eine Schale mit vielen kleinen Tintenfischen.
Sehr kleinen Tintenfischen.
Beinahe Baby-Tintenfischen.
Sie sahen Jo nicht an.
Das lag vermutlich daran, dass sie keine Augen hatten.

Trotzdem glaubte Jo deutlich zu hören:
Iss uns nicht.
Natürlich sagten sie das nicht wirklich.
Sie hatten schließlich auch keine Stimmen.
Und wehren konnten sie sich ebenfalls nicht.
Also aß Jo sie auf.
Alle.
Danach war Jo ein wenig traurig.
Vielleicht, dachte Jo, hatten die Tintenfische es ja so gewollt.
Andererseits ist völlige Reglosigkeit bei gekochten Tintenfischen kein besonders überzeugendes Einverständnis.
Jo bekam eine Suppe mit Fleischstückchen.
Auch die Fleischstückchen wehrten sich nicht.
Darüber wurde allerdings wesentlich weniger nachgedacht.
Zum Essen bestellte Jo ein Bier.
Jo bestellte Wasser.
Zumindest glaubte Jo das.
Als die Flasche kam, stand darauf: No Sugar.
Das klang gesund.
Jo nahm einen Schluck.
Und stellte fest, dass dieses Wasser offenbar von einem kleinen koreanischen Drachen abgefüllt worden war.
Es brannte.
Es war kein Wasser.
Es war Feuerwasser.
„Das trinke ich nicht“, sagte Jo. „Das nehme ich mit und mische es zu Hause mit Cola.“
Damit war auch dieses Problem gelöst.
Nach dem Essen fuhren Jo und Jo zum Namsan Mountain Park.
Man konnte dort zu Fuß hinaufgehen.
Theoretisch.
Praktisch betrachtete Jo den Berg und sagte:
„Meine Beine tun weh.“
Der Berg zeigte dafür wenig Verständnis.
Zum Glück gab es eine Gondel.
Jo und Jo stiegen ein und schwebten hinauf, während Seoul unter ihnen langsam zu einem Teppich aus Lichtern wurde.
Oben erwarteten sie Wege, Aussichtspunkte und eine erstaunliche Menge Metall.
Überall hingen Schlösser.
Schlösser in Herzform.
Schlösser von Verliebten.
Es waren nicht zwei.
Es waren nicht hundert.
Es waren nicht einmal tausend.
Es waren Tausende und Abertausende, als hätte die Liebe beschlossen, sich in Seoul dauerhaft an jedes verfügbare Geländer zu ketten.
Jo und Jo wanderten zwischen all diesen Herzen hindurch und blickten vom Hügel auf die nächtliche Stadt.
Seoul leuchtete.
Seoul blinkte.
Seoul sah aus, als hätte jemand sämtliche Sterne vom Himmel genommen und zwischen die Häuser gestellt.
Als Jo und Jo vor Staunen nicht mehr weiterwussten, fuhren sie auf den N Seoul Tower.
Ganz nach oben.
Unter ihnen lag die Stadt, riesig und hell und beinahe unwirklich.
Für einen Moment sagten beide nichts.
Das kam nicht häufig vor.
Dann fuhren sie wieder hinunter, nahmen die Gondel ins Tal und den Bus zurück zum Hotel.
Dort fielen sie erschöpft ins Bett.
An diesem Tag hatten sie fünf Brillen gekauft.
Sie waren beinahe vor einer Küche voller alter Frauen davongelaufen.
Sie hatten kleine Tintenfische gegessen.
Wasser bestellt, das Feuer war.
Und über einer Stadt gestanden, die heller leuchtete als alles, was sie erwartet hatten.
Jo sah Jo an.
„Morgen machen wir es ruhiger.“
„Bestimmt“, sagte Jo.
Seoul hörte das.
Und leuchtete vielsagend weiter.
