Zurück zum TagebuchJo & Jo · Reisegeschichten

Unser fünfter Reisebericht

Jo & Jo und das Raumschiff, das in Seoul vergessen wurde

Jo und Jo betrachten von hinten ein leuchtendes Schiff auf dem nächtlichen Hangang
Zwei Jos, ein leuchtender Fluss und eine Stadt, die auch nachts nicht schlafen wollte.

Am Donnerstag geschah etwas höchst Beunruhigendes: Jo und Jo tat nichts weh. Dafür warteten ein vergessenes Raumschiff, sehr viel Gold und eine leuchtende Nacht auf sie.

Der Donnerstag begann wie alle anderen Tage auch.

Mit Aufstehen.

Allerdings geschah dabei etwas höchst Beunruhigendes:

Jo und Jo tat nichts weh.

Der Rücken schwieg.

Die Beine beschwerten sich nicht.

Und selbst jene Körperteile, deren Existenz sie erst in den vergangenen Tagen entdeckt hatten, hielten sich auffällig zurück.

Jo bewegte vorsichtig einen Arm.

Jo prüfte ein Knie.

„Geht wieder“, sagte Jo.

„Fast wie neu“, sagte Jo.

Das stimmte natürlich nicht.

Ihre Körper waren nach wie vor dem Alter entsprechend beschädigt.

Aber offenbar hatten sie begriffen, dass Widerstand zwecklos war.

Nach dem Duschen beschlossen Jo und Jo, diesmal in einem anderen Café zu frühstücken.

Man musste schließlich auch neuen Cafés eine Chance geben.

Das Café war hübsch.

Das Frühstück war gut.

Die Menschen waren freundlich.

Nur Bären gab es keine.

Nicht einen einzigen.

Auch keine Beeren, aber das war weniger überraschend.

Jo und Jo sahen unter den Tischen nach.

Sie blickten hinter die Theke.

Sie beobachteten aufmerksam die Küche.

Nichts.

Der Kaffee wurde eindeutig von Menschen zubereitet.

Und genauso schmeckte er auch.

Nicht schlecht.

Aber eben nicht bärengemacht.

„Bären können das besser“, sagte Jo.

„Viel besser“, sagte Jo.

Damit war die Sache geklärt.

Jo und Jo sitzen bei Kaffee und Frühstück in einem Café ohne Bären
Das Frühstück war gut. Der Kaffee war eindeutig von Menschen gemacht.

Nach dem Frühstück fuhren sie zum Dongdaemun Design Plaza.

Schon von Weitem sahen sie etwas Großes, Silbernes und Geschwungenes zwischen den Häusern liegen.

Es besaß keine richtigen Ecken.

Keine vernünftigen Fenster.

Und sah ganz eindeutig so aus, als wäre es aus dem Weltall gekommen.

Jo blieb stehen.

„Ein Raumschiff.“

Jo betrachtete das Gebäude.

„Sieht so aus.“

Vermutlich waren vor einiger Zeit Außerirdische in Seoul gelandet, hatten ihr Raumschiff dort abgestellt und waren anschließend in die Stadt gegangen.

Vielleicht wollten sie nur kurz etwas essen.

Vielleicht hatten sie einen Kaffee gesucht.

Oder sie hatten festgestellt, dass man in Seoul günstig Brillen kaufen konnte.

Jedenfalls waren sie nicht zurückgekehrt.

Die Menschen von Seoul hatten irgendwann aufgehört zu warten und aus dem Raumschiff das Dongdaemun Design Plaza gemacht.

Das war praktisch.

Vor dem Raumschiff stand außerdem eine gewaltige Frauenfigur.

Zumindest vermuteten Jo und Jo, dass es sich um eine Frau handelte.

Von vorn war das nicht ganz leicht zu erkennen.

Dort fehlte ihr nämlich fast alles, was man bei einem vollständigen Vorderkörper erwarten würde.

Von hinten war die Sache wesentlich eindeutiger.

Dort zeigte die riesige Figur der Stadt ihren nackten Po.

Und was für einen.

Er war groß.

Er war rund.

Und er war so bemerkenswert wohlgeformt, dass Jo und Jo einen Moment lang davorstanden und ihn bewunderten.

„Ein sehr hübscher Po“, sagte Jo.

„Ausgesprochen hübsch“, bestätigte Jo.

Vielleicht handelte es sich um bedeutende Kunst.

Vielleicht stellte die Figur die Rückseite der Menschheit dar.

Vielleicht wollte die Künstlerin sagen, dass wir alle irgendwann nur noch von hinten zu sehen sind.

Oder vielleicht hatte einfach jemand einen schönen Po gestalten wollen.

Auch Künstler dürfen es sich gelegentlich leicht machen.

Die große Frauenfigur steht mit dem Rücken vor dem Dongdaemun Design Plaza
Bedeutende Kunst. Und ein außerordentlich gelungener Po.

Noch praktischer als das Denkmal war allerdings, dass am Dongdaemun Design Plaza der Yellow Balloon City Tour Bus abfuhr.

Jo und Jo stiegen ein und setzten sich oben in den offenen Bereich.

Denn von dort konnte man am besten sehen.

Man konnte von dort allerdings auch am besten frieren.

Unten in den Straßen war es angenehm warm gewesen. Oben auf dem fahrenden Bus verwandelte sich die Luft jedoch in einen eisigen Wind, der mit großer Begeisterung unter Jos Kleidung kroch.

Jo hatte nämlich zu wenig angezogen.

„Ist dir kalt?“, fragte Jo.

„Nein“, sagte Jo und klapperte mit den Zähnen.

Zum Glück gab es Kopfhörer.

Und aus den Kopfhörern sprach eine Stimme auf Deutsch und erklärte ihnen, was sie gerade sahen.

Das war sehr hilfreich.

Ohne die Stimme hätten Jo und Jo vermutlich viele bedeutende Gebäude betrachtet und gesagt:

„Schönes Haus.“

Nun wussten sie wenigstens, warum es ein schönes Haus war.

Der offene Yellow Balloon City Tour Bus fährt zwischen hohen Häusern durch Seoul
Seoul von oben – mit deutscher Erklärung und erstaunlich kaltem Fahrtwind.

Der Bus fuhr durch Seoul.

Vorbei an Palästen, Hochhäusern, Straßen, Plätzen und einer erstaunlichen Menge Verkehr.

Ganz Seoul sahen sie natürlich nicht.

Dafür hätte der Bus vermutlich mehrere Wochen gebraucht.

Aber sie sahen genug, um erneut festzustellen, dass Seoul offenbar nicht an einer Stelle endete.

Irgendwann entdeckten sie einen Markt.

Er sah lebendig, bunt und sehr voll aus.

Überall standen Stände.

Überall lagen Lebensmittel.

Überall brutzelte, dampfte und zischte etwas.

„Da müssen wir raus“, sagte Jo.

Also stiegen sie aus und gingen zum Gwangjang-Markt.

Der Markt roch nach gebratenem Fleisch, Gemüse, Gewürzen, Teig und mindestens zwölf Dingen, deren Namen Jo und Jo nicht kannten.

Menschen saßen auf kleinen Hockern und aßen.

Händler riefen.

Pfannen zischten.

Töpfe dampften.

Es war ein Paradies.

Jo und Jo gehen von hinten gesehen durch den lebhaften Gwangjang-Markt
Ein ganzer Markt voller Essen. Und ausgerechnet jetzt hatten sie keinen Hunger.

Leider hatten Jo und Jo noch keinen Hunger.

Das war ausgesprochen unpraktisch.

Auf einem Markt voller Essen keinen Hunger zu haben, ist ungefähr so sinnvoll, wie ohne Augen in ein Kunstmuseum zu gehen.

„Wir kommen später wieder“, sagte Jo.

„Auf jeden Fall“, sagte Jo.

Dann verließen sie den Markt und gerieten in eine Gegend, in der es Gold gab.

Zuerst sahen sie ein Goldgeschäft.

Daneben befand sich noch eines.

Dahinter war ein weiteres.

Auf der anderen Straßenseite standen fünf.

Und hinter diesen vermutlich noch fünfzig.

Je weiter Jo und Jo gingen, desto mehr Goldgeschäfte tauchten auf.

In den Fenstern glänzten Ringe, Ketten, Armbänder, Anhänger und Dinge, die vermutlich nur deshalb existierten, damit noch mehr Gold irgendwo befestigt werden konnte.

Es sah aus, als hätte jemand sämtliche Schätze der Welt eingesammelt und in einer einzigen Straße verteilt.

Die alten Inkas hätten bei diesem Anblick wahrscheinlich mit den Ohren geschlackert.

Vielleicht hätten sie aber auch gefragt, woher die Koreaner ihr ganzes Gold hatten.

Jo betrachtete eine besonders große Auslage.

„Sollen wir etwas kaufen?“

Jo befragte das große, allwissende Netz.

Das Netz erklärte, dass Gold in Korea ungefähr genauso viel kostete wie anderswo. Lediglich die Verarbeitung konnte etwas günstiger sein.

„Lohnt sich nicht“, sagte Jo.

Damit blieb das Gold in den Geschäften.

Die Koreaner waren vermutlich erleichtert.

Statt Gold fanden Jo und Jo Kleidung.

Sie gingen in ein Geschäft, und Jo entdeckte eine Hose.

Dann ein T-Shirt.

Dann ein Sweatshirt.

Alles passte.

Alles sah gut aus.

Und alles war erheblich praktischer als ein goldener Armreif.

Jo kaufte sämtliche Sachen.

Am liebsten hätte er sie sofort angezogen.

Das wäre mitten im Geschäft allerdings etwas umständlich geworden.

Also fuhren Jo und Jo zunächst zurück ins Hotel.

Dort duschten sie noch einmal den Tag von sich ab, und Jo zog seine neuen Sachen an.

Er betrachtete sich im Spiegel.

Jo betrachtete ihn ebenfalls.

„Schick“, sagte Jo.

„Sehr schick“, sagte Jo.

Jo sah nun aus wie ein vollständig neuer Mensch.

Nur der Mensch darin war noch derselbe.

Danach fuhren sie zurück zum Gwangjang-Markt.

Inzwischen hatten sie Hunger.

Sehr viel Hunger.

Sie hatten vor, sich einmal quer durch den gesamten Markt zu essen.

Ein bisschen hiervon.

Ein bisschen davon.

Und anschließend noch all die Dinge, die sie nicht erkennen konnten.

Sie setzten sich an einen Stand und bestellten ihr erstes Essen.

Viele Schalen mit Gewürzen, Gemüse, Teigtaschen und dampfendem Marktessen
Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – zumindest lautete so der Plan.

Es schmeckte ausgezeichnet.

Leider machte es sie satt.

Sehr satt.

So satt, dass der Plan, den ganzen Markt leer zu essen, bereits am ersten Stand scheiterte.

„Vielleicht noch etwas Süßes“, sagte Jo.

Sie entdeckten ein beliebtes Gebäck, vor dem eine Schlange stand.

Eine sehr lange Schlange.

Sie begann am Verkaufsstand, führte an mehreren Menschen vorbei und endete vermutlich in einem anderen Stadtteil.

Jo betrachtete die Schlange.

Jo betrachtete das Gebäck.

Dann betrachteten beide ihre müden Beine.

„So süß kann das gar nicht sein“, sagte Jo.

Also verzichteten sie.

Der Abend war jedoch noch nicht zu Ende.

Auf dem Hangang, dem großen Fluss von Seoul, fuhren Schiffe durch die Dunkelheit.

Jo und Jo wollten mit einem davon fahren.

Sie nahmen einen Bus zum Fluss.

Schon bevor sie das Schiff erreichten, stellten sie fest, dass offenbar auch sämtliche jungen Menschen Seouls beschlossen hatten, den Abend dort zu verbringen.

Das ganze Ufer war voller Menschen.

Sie lagen auf dem Rasen.

Sie saßen auf Decken.

Sie aßen, tranken, redeten und lachten.

Einige hörten Musik.

Andere schauten einfach nur auf den Fluss.

Es sah aus, als hätte eine ganze Stadt ihre Wohnzimmer nach draußen getragen.

Nur die Sofas hatte sie zu Hause gelassen.

Jo und Jo sitzen mit vielen jungen Menschen auf der Wiese am Hangang
Seoul hatte sein Wohnzimmer an den Fluss verlegt.

Jo und Jo gingen zwischen all den Decken hindurch.

Überall herrschte diese angenehme Form von Unordnung, bei der niemand etwas Besonderes tut und trotzdem alle zufrieden aussehen.

„Die wissen, wie man sich entspannt“, sagte Jo.

Jo nickte.

Jo und Jo wussten theoretisch ebenfalls, wie Entspannung funktionierte.

Sie hatten nur während dieser Reise bisher keine Zeit gefunden, es auszuprobieren.

Dann stiegen sie auf die E-Cruise Starlight Cruise.

Das Schiff legte ab.

Langsam glitt es hinaus auf den Hangang.

Die Lichter der Stadt spiegelten sich im Wasser.

Hochhäuser standen wie leuchtende Riesen am Ufer.

Brücken spannten sich über den Fluss.

Und über allem lag die dunkle Nacht, die in Seoul niemals wirklich dunkel wurde.

Jo und Jo standen an Deck und sahen hinaus.

Der Wind war kühl.

Aber diesmal war Jo vorbereitet.

Zumindest ein bisschen.

Dann näherte sich das Schiff der Banpo Bridge.

Musik begann.

Aus der Brücke schossen lange Fontänen.

Das Wasser leuchtete in verschiedenen Farben und fiel wie ein riesiger Vorhang in den Fluss.

Jo und Jo hatten die Fontänenshow bereits vom Ufer gesehen.

Von dort war sie schön gewesen.

Vom Schiff aus war sie jedoch etwas völlig anderes.

Das Wasser schien direkt neben ihnen zu tanzen.

Die Lichter wanderten über die Fontänen.

Die Musik zog über den Fluss.

Und für einen Augenblick sah es aus, als würde die ganze Brücke leuchten.

„Vom Schiff ist es viel schöner“, sagte Jo.

Jo nickte.

Manchmal musste man eine Sache eben zweimal ansehen, um sie beim zweiten Mal richtig zu entdecken.

Als das Schiff zurückkehrte, war es bereits spät geworden.

Aber Jo und Jo fuhren trotzdem noch nicht zum Hotel.

Sie hatten gehört, dass das vergessene Raumschiff am Abend zum Leben erwachte.

Also fuhren sie noch einmal zum Dongdaemun Design Plaza.

Dort war das silberne Gebäude kaum wiederzuerkennen.

Lichter wanderten über seine geschwungenen Flächen.

Farben erschienen, verschwanden und flossen über die Wände.

Das ganze Raumschiff leuchtete, als würde es gerade versuchen, Kontakt mit seinem Heimatplaneten aufzunehmen.

Jo und Jo betrachten von hinten die Lichtshow auf dem Dongdaemun Design Plaza
Das vergessene Raumschiff versuchte offenbar, nach Hause zu telefonieren.

Jo und Jo standen davor und sahen zu.

Vielleicht war es tatsächlich eine Lichtshow.

Vielleicht schickten die vergessenen Außerirdischen aber auch eine Nachricht ins Weltall:

Bitte holt unser Raumschiff ab. Die Menschen haben ein Design Plaza daraus gemacht.

Die Farben wechselten.

Lichtlinien liefen über das Gebäude.

Und für einige Minuten sah es aus, als würde das riesige silberne Ding jeden Augenblick abheben.

Tat es aber nicht.

Vermutlich hatte es keinen Treibstoff mehr.

Oder es wollte noch ein wenig in Seoul bleiben.

Das konnte Jo und Jo gut verstehen.

Erst als die Lichtshow zu Ende war, machten sie sich auf den Weg zum Hotel.

Unterwegs sagte keiner mehr viel.

Der Tag hatte mit einem Café ohne Bären begonnen.

Sie hatten ein vergessenes Raumschiff gefunden.

Einen gewaltigen nackten Po bewundert.

Auf einem Bus gefroren.

Einen Markt voller Essen entdeckt.

Mehr Gold gesehen, als die Inkas für möglich gehalten hätten.

Neue Kleidung gekauft.

Am ersten Marktstand kapituliert.

Eine ganze Generation beim Entspannen beobachtet.

Waren nachts über den Hangang gefahren.

Und hatten gesehen, wie ein Raumschiff versuchte, nach Hause zu telefonieren.

Das genügte für einen Donnerstag.

Im Hotel angekommen, schafften Jo und Jo es gerade noch bis zum Bett.

Dann brachen sie wie üblich zusammen.

Jo schloss die Augen.

Jo schloss die Augen.

Und beide schliefen sofort ein.

Irgendwo in Seoul leuchtete noch immer das silberne Raumschiff.

Vielleicht würden die Außerirdischen eines Tages zurückkommen und es abholen.

Bis dahin hatte Seoul wenigstens ein sehr schönes Design Plaza.

Und einen außerordentlich hübschen Po davor.

J&JFortsetzung folgt