Es gibt Reisen, die beginnen mit einem Koffer. Andere beginnen mit einem Flugzeug. Und manche beginnen mit fünf Brillen.
Die Reise von Jo und Jo gehörte eindeutig zur dritten Sorte.
Dabei hatte zunächst alles vollkommen harmlos angefangen.
An diesem Morgen waren Jo und Jo mit einem großen silbernen Flugapparat in Seoul gelandet, einer Stadt, von der sie bislang hauptsächlich wussten, dass sie sehr groß, sehr weit weg und voller Menschen war, die offenbar ganz genau wussten, wohin sie gingen.
Jo und Jo wussten das nicht.
Aber das störte sie nicht im Geringsten.
Sie nahmen einen Zug.
Der Zug raste mit ihnen durch eine unbekannte Welt aus Häusern, Schildern und Schriftzeichen, die aussahen, als hätte jemand kleine geometrische Tiere erfunden und sie anschließend an sämtliche Häuserwände geklebt.
Dann stiegen Jo und Jo aus und gingen zu Fuß weiter.
Zum Hotel.
Dort war niemand.
Kein Empfangschef.
Keine Empfangsdame.
Kein verschlafener Nachtportier.
Nicht einmal ein kleiner Hund, der so tat, als gehöre ihm das Hotel.

Stattdessen stand dort ein Automat.
„Aha“, sagte Jo.
„Aha“, sagte Jo.
Der Automat betrachtete sie mit jener emotionslosen Ruhe, die nur Automaten besitzen, die genau wissen, dass zwei Menschen dringend in ihr Hotelzimmer möchten.
Jo drückte etwas.
Der Automat piepte.
Eine Tür öffnete sich.
Und damit war die Sache erledigt.
„Praktisch“, sagte Jo.
Sie duschten den Flug von sich ab, zogen frische Sachen an und traten hinaus in die Straßen von Seoul.
Und da war sie.
Diese andere Welt.
Menschen strömten an ihnen vorbei. Manche schnell, manche langsam, manche mit einem Telefon vor der Nase und erstaunlicherweise ohne gegen Laternenpfähle zu laufen.
Jo beobachtete die Koreaner.
Jo beobachtete die Koreaner.
Und einige Koreaner beobachteten Jo und Jo.
Vielleicht dachten sie:
Was sind denn das für zwei?
Vielleicht dachten sie auch gar nichts.
Menschen überschätzen erstaunlich oft, wie viel andere Menschen über sie nachdenken.
Jo und Jo liefen weiter.
Sie sahen Lichter und Geschäfte, hörten Stimmen und Geräusche, rochen unbekanntes Essen und standen schließlich mitten in diesem herrlichen Durcheinander, das jede fremde Stadt am ersten Tag besitzt.
Bis Jo plötzlich stehen blieb.
„Jo.“
„Ja?“
„Da.“
Es war ein Brillengeschäft.

Nun muss man wissen, dass Brillengeschäfte in Seoul offenbar anderen Naturgesetzen unterliegen als gewöhnliche Brillengeschäfte.
Man betritt sie nämlich mit der Absicht, sich eine Brille anzusehen.
Und ehe man sich versieht, hat man fünf gekauft.
Jo probierte eine.
Dann noch eine.
Dann eine dritte.
Und schließlich noch eine, denn spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte er jedes vernünftige Verhältnis zur Mathematik verloren.
Jo war wesentlich zurückhaltender.
Sie nahm zwei.
Damit wären es eigentlich sechs gewesen.
Eigentlich.
Denn da gab es noch die Sportbrille.
Jo hatte sich vorgenommen, auch eine zu kaufen. Eine richtige. Eine, mit der man vermutlich gleichzeitig Tennis spielen, einen Berg besteigen und vor einem mittelschweren Taifun davonlaufen konnte.
Er probierte welche an.
Eine saß nicht richtig.
Eine andere sah nicht richtig aus.
Die nächste fühlte sich nicht richtig an.
Und irgendwann musste selbst Jo einsehen:
Die richtige Sportbrille war nicht dabei.
Also blieb die Sportbrille in Seoul.
Und aus sechs wurden fünf.
Ihre Augen wurden vermessen, untersucht und geprüft. Es wurde gerechnet, geschaut, angepasst und genickt.
Währenddessen tranken Jo und Jo Kaffee.
Denn offenbar konnte man in Seoul gleichzeitig Brillen kaufen, seine Augen untersuchen lassen und Kaffee trinken.
Jo fand, dass Deutschland auf diesem Gebiet noch erheblichen Entwicklungsbedarf hatte.
Schließlich war es so weit.
Fünf neue Brillen waren bestellt.
Aber fünf neue Brillen bedeuteten keineswegs, dass man anschließend mit fünf neuen Brillen aus dem Geschäft marschierte.
So schnell waren selbst die Koreaner nicht.
Zwei allerdings waren fertig.
Eine für Jo.
Und eine für Jo.
Die anderen würden später auf sie warten.
Zwei Brillen.
Vier Gläser.
Und zwei Menschen, die damit hinaus auf die Straße traten.
Jo setzte seine neue Brille auf.
Und blieb stehen.
„Jo.“
„Was?“
„Die Welt.“
Jo setzte ebenfalls ihre neue Brille auf.
Und plötzlich war Seoul nicht mehr einfach Seoul.
Die Lichter leuchteten heller.
Die Schriftzeichen waren schärfer.
Die Häuser hatten Kanten, von deren Existenz Jo bislang nichts geahnt hatte.
Gesichter wurden klarer.
Farben kräftiger.
Und irgendwo zwischen all den Menschen, Reklametafeln und unbekannten Straßen geschah etwas Merkwürdiges.
Die Reise begann.
Nicht die Reise, die auf Flugtickets stand.
Nicht die Reise mit Hotels, Zügen und reservierten Sitzplätzen.
Sondern die andere.
Die wirkliche.
Jene Reise, bei der man plötzlich begreift, dass man tatsächlich hier ist.
Weit weg von zu Hause.
Mitten in Seoul.
Jo sah Jo an.
Jo sah Jo an.
Und beide lächelten.
Vor ihnen lagen Tage voller Orte, deren Namen sie noch falsch aussprechen würden.
Züge, in die sie vielleicht in die falsche Richtung einsteigen würden.
Speisen, bei denen sie nicht genau wissen würden, was sie da eigentlich aßen.
Straßen, in denen sie sich verlaufen würden.
Und Dinge, von denen sie heute noch überhaupt nichts wussten.
Aber genau das war das Schöne daran.
Jo rückte seine neue Brille zurecht.
Jo nahm seine Hand.
Und gemeinsam gingen sie weiter hinein in diese fremde, leuchtende, wunderbare Welt.
Denn heute hatte ihre Reise begonnen.
Und manchmal braucht es dafür nur ein Flugzeug, einen Zug, einen menschenleeren Hotelempfang, einen Kaffee …
fünf gekaufte Brillen, von denen vorerst zwei fertig waren.
Und eine Sportbrille, die irgendwo in Seoul noch immer darauf wartete, die richtige zu sein.
